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Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) fordert den Verzicht auf einen gesetzlichen Urlaubstag, um die Produktivität der deutschen Wirtschaft zu steigern. vbw-Geschäftsführer Bertram Brossardt argumentiert in der "Augsburger Allgemeinen", dass jeder zusätzliche Arbeitstag das BIP um 0,1 Prozent oder rund 4,3 Mrd. Euro erhöhen könnte.

Fragwürdiger Produktivitätseffekt

Die Rechnung erscheint auf den ersten Blick plausibel: Zwei gestrichene Urlaubstage könnten theoretisch einen ähnlichen Effekt wie die Abschaffung des Ostermontags erzielen, was laut Ökonomen ein Volumen von 8-9 Mrd. Euro hätte. Doch Wirtschaftsexperten bezweifeln den tatsächlichen Nutzen solcher Maßnahmen.

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hat in mehreren Studien keine empirischen Belege für positive Effekte durch Feiertagsstreichungen gefunden. IMK-Forscherin Silke Tober konstatiert: "In der Empirie gibt es keine Belege dafür, dass die Abschaffung von Feiertagen die Wirtschaftsleistung erhöht."

Dänemark als Negativbeispiel

Der Blick nach Dänemark, wo 2024 ein Feiertag abgeschafft wurde, bestätigt die Skepsis. Zwar verzeichnete der dänische Staatshaushalt laut IW-Chef Michael Hüther zusätzliche Einnahmen von rund 400 Mio. Euro, doch das Danish Economic Council kommt zu einem ernüchternden Fazit: Die langfristigen Wachstumsaussichten verändern sich kaum.

Zudem erhalten dänische Angestellte für die zusätzliche Arbeitszeit eine Sonderzulage von 0,45 Prozent des Jahresgehalts inklusive Rentenbeiträge, was den vermeintlichen Effizienzgewinn teilweise kompensiert.

Steigende Fehlzeiten als Risikofaktor

Betriebskrankenkassen melden seit Jahren kontinuierlich steigende Fehltage – ein Trend, der durch Kürzung von Erholungszeiten verschärft werden könnte. Experten warnen, dass reduzierte Urlaubszeiten langfristig zu mehr Krankschreibungen führen könnten, was Produktivitätsgewinne zunichtemachen würde.

EZB: Kalendereffekte marginal

Studien der Europäischen Zentralbank belegen, dass der sogenannte "Kalendereffekt" zusätzlicher Arbeitstage in der Eurozone lediglich 0,05 bis 0,1 Prozentpunkte zum BIP beiträgt – ein marginaler Wert, der kaum zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit beiträgt.

Strukturelle Probleme bleiben ungelöst

Ökonomen sind sich einig, dass Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit nicht an einzelnen Urlaubstagen scheitert. Die eigentlichen Wachstumsbremsen liegen in strukturellen Defiziten:

  • Überbordende Bürokratie
  • Energieversorgungsengpässe
  • Infrastrukturmängel
  • Langwierige Genehmigungsverfahren
  • Ineffiziente Verwaltungsstrukturen

Produktivität als Schlüsselfaktor

Die effektiveren Hebel zur Steigerung der Wirtschaftsleistung liegen in der Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Automatisierung, KI-Einsatz und moderne Technologien ermöglichen höheren Output bei gleichem Zeiteinsatz. Digitalisierte Prozesse, schlankere Abläufe und der Abbau von Medienbrüchen steigern die Produktivität ohne Mehrbelastung der Arbeitnehmer.

Gleichzeitig benötigen Unternehmen verlässliche Rahmenbedingungen bei Infrastruktur und Energieversorgung. Planbare Strompreise, stabile Netze und eine moderne Verkehrsinfrastruktur beeinflussen Investitionsentscheidungen stärker als die Frage nach einem zusätzlichen Arbeitstag.

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